Alltägliche Lebensfuehrung im ostdeutschen Transformationsprozess
Dr. Margit Weihrich
ISIFO e.V. Muenchen, Universität Augsburg
margit.weihrich (at) t-online.de
webkontaktFinanzierung und Laufzeit
Dissertationsprojekt an der Universität der Bundeswehr München; teilweise Unterstuetzung des DFG-gefoerderten Teilprojekts A1 des SFB 333 der Universität Muenchen
abgeschlossen 1997
Zielsetzung
Das Ziel dieses Projektes war es 1) die alltägliche Lebensführung zu DDR-Zeiten und im ostdeutschen Transformationsprozeß zu untersuchen und Aussagen über ihre Stabilität und Veränderung über den Umbruch hinweg zu treffen, 2) hierfür und hieraus ein handlungstheoretisch unterlegtes Modell alltäglicher Lebensführung zu entwerfen, 3) auf dieser Grundlage das Verhältnis der neuen Institutionen zur alltäglichen Lebensführung genauer zu bestimmen und damit einen Beitrag zu einer Mikrofundierung des ostdeutschen Transformationsprozesses zu leisten. Und 4) schließlich hatte die Untersuchung auch das Ziel, Möglichkeiten, Bedingungen, Ausprägungen und Begründungen alltäglicher Lebensführung im ostdeutschen Transformationsprozeß und zu DDR-Zeiten zu dokumentieren bzw. rekonstruieren.
Empirisches Vorgehen / Methode
Das empirische Vorgehen bestand in einer qualitativen Paneluntersuchung, die zu drei unterschiedlichen Zeitpunkten (1991 und 1992 bzw. 1993) in Leipzig unternommen wurde; aus 40 im Frühjahr 1991 durchgeführten erzählungsgenierenden Leitfadeninterviews wurden mithilfe eines theoriegeleitenden samplings 12 Personen ausgewählt, die zum Teil 1992 und zum Teil 1993 ein zweites Mal interviewt wurden. Deren alltägliche Lebensführung und ihre Veränderung und Stabilität über die Zeit hinweg wurde aufgrund detaillierter Einzelfallanalysen untersucht. Theoretischer Ausgangspunkt der Untersuchung war das Konzept alltäglicher Lebensführung der Projektgruppe "Alltägliche Lebensführung"; dieses Konzept wurde in ein handlungstheoretisches Modell alltäglicher Lebensführung transformiert, was zum einen eine Kritik harter RC-Modelle ermöglicht, zum anderen die Einbindung des Konzepts alltäglicher Lebensführung in eine allgemeine sozialtheoretische Erklärungslogik erlaubt.
Wichtige Ergebnisse
Das wichtigste empirische Ergebnis dieser Arbeit ist die überraschende Stabilität alltäglicher Lebensführung über die Wirren des Transformationsprozesses hinweg. Theoretisch wird diese Stabilität damit erklärt, daß die Akteure zur Bearbeitung all der Handlungsanforderungen, mit denen sie tagaus tagein, über die Zeit und - in unserem Fall - über unterschiedliche Gesellschaftssysteme hinweg konfrontiert sind, auf ein selbsterstelltes Regelsystem zurückgreifen können; damit haben sie eine Richtschnur für Handlungsentscheidungen in unübersichtlichen Situationen zur Hand. Die Orientierung an diesem Regelsystem spart die Kosten immer neuer Situationsanalysen und erhält damit Handlungsfähigkeit. Diese Stabilität indes hat noch weitere Folgen: Da sich die alltägliche Lebensführung nicht umstandslos verändern läßt - selbst dann nicht, wenn der Aktor dies will -, entscheiden letztendlich die neuen Institutionen, ob es dem einzelnen Aktor gelingt, mit seiner Lebensführung in einer für ihn befriedigenden Weise an sie anzuschließen. Nicht Anpassungs-, sondern Selektionsprozesse bestimmen somit über die Positionierung im neuen System. Während die neuen Institutionen bei ihrer Etablierung auf berechenbare Akteure, reproduzierte Netzwerke, eingeschliffene familiale Arbeitsteilungen oder aufrechterhaltene Arbeitszusammenhänge in Betrieben, die ihre Produktion längst eingestellt haben, zurückgreifen können, erweist sich die jeweilige etablierte Lebensführung meiner InterviewpartnerInnen als Ressource oder Restriktion für die Verortung im neuen System: was früher rational war, muß es nun nicht mehr sein; was früher Restriktion war, kann sich jetzt als Ressource erweisen; was früher nur ein kleiner Nachteil war, kann jetzt ein großer werden.
Veröffentlichungen:
- Kursbestimmungen. Eine qualitative Paneluntersuchung der alltäglichen Lebensfuehrung im ostdeutschen Transformationsprozess. Pfaffenweiler 1998: Centaurus
(weitere Veroeffentlichungen zum Projekt siehe unten)siehe auch:
Alltägliche Lebensführung und soziale Ordnung im Kriminalroman. In: Thomas Kron / Uwe Schimank (Hg.): Die Gesellschaft der Literatur. Leverkusen-Opladen: Verlag Barbara Budrich, S. 313-340 (zusammen mit G. Günter Voß) (erscheint in Kürze)
tag für tag. Alltag als Problem - Lebensführung als Lösung? Neue Beiträge zur Soziologie Alltäglicher Lebensführung 2. München und Mering 2002: Rainer Hampp Verlag (zusammen mit G. Günter Voß)
tagaus tagein. Neue Beiträge zur Soziologie Alltäglicher Lebensführung. München und Mering 2001; Rainer Hampp Verlag (zusammen mit G. Günter Voß)
Alltägliche Lebensführung und institutionelle Selektion oder: Welche Vorteile hat es, die Alltägliche Lebensführung in die Colemansche Badewanne zu stecken? In: G.G. Voß/ M. Weihrich (Hg.), tagaus tagein. Neue Beiträge zur Soziologie Alltäglicher Lebensführung. München und Mering 2001: Rainer Hampp Verlag, S. 219-236
Die Wende und ihre Theorien. Eine modelllogische Kritik der soziologischen Transformationsforschung. In: Hopfmann, Arndt / Wolf, Michael: Transformationstheorie - Stand, Defizite, Perspektiven. Münster 2001: LIT-Verlag, S. 147-201 (zusammen mit Michael Schmid) (Neu erschienen in: Schmid, Michael: Rationales Handeln und soziale Prozesse. Beiträge zur soziologischen Theoriebildung. Wiesbaden 2004: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 299-333)
Alltägliche Lebensführung und Handlungsspielräume. In: Honegger, Claudia / Hradil, Stefan / Traxler, Franz (Hrsg.): Grenzenlose Gesellschaft? Verhandlungen des 29. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, des 16. Kongresses der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie, des 11. Kongresses der Schweizerischen Gesellschaft für Soziologie in Freiburg i.Br. 1998. Opladen 1999: Leske und Budrich, Teil 2, S. 56-66
Alltägliche Lebensführung im ostdeutschen Transformationsprozeß. Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, B 12, 19. März 1999, S. 15-26
Kursbestimmungen. Eine qualitative Paneluntersuchung der alltäglichen Lebensführung im ostdeutschen Transformationsprozeß. Pfaffenweiler 1998: Centaurus
Alltag im Umbruch? Alltägliche Lebensführung und berufliche Veränderung in Ostdeutschland. In: Diewald, Martin / Mayer, Karl Ulrich (Hrsg.): Zwischenbilanz der Wiedervereinigung. Strukturwandel und Mobilität im Transformationsprozeß. Opladen 1996: Leske und Budrich, S. 215-228
Wenn der Betrieb schließt. Über alltägliche Lebensführung von Industriearbeitern im ostdeutschen Transformationsprozeß. BIOS. Zeitschrift für Biographieforschung und oral history 1993, 6. Jg., Heft 2, S. 224-238
Lebensführung im Wartestand. Veränderung und Stabilität im ostdeutschen Alltag. In: Jurczyk, Karin / Rerrich, Maria S. (Hrsg.) (1993): Die Arbeit des Alltags. Beiträge zu einer Soziologie der alltäglichen Lebensführung. Freiburg: Lambertus, S. 210-234
Lebensweise und Lebensstil. Zur Soziologie moderner Lebensführung. In: Vetter, Hans-Rolf (Hrsg.) (1991): Muster moderner Lebensführung. Ansätze und Perspektiven. München: DJI-Verlag, S. 89-130 (zusammen mit Hans-Peter Müller)
Lebensweise - Lebensführung - Lebensstile. Eine kommentierte Bibliographie. Forschungsberichte der Fakultät für Pädagogik der Universität der Bundeswehr München. Neubiberg 1990 (zusammen mit Hans-Peter Müller)