
Die soziologische These des "Arbeitenden Kunden" beschäftigt sich mit einer
Entwicklung, die langfristig Auswirkungen auf das gesamte alltägliche Leben in
unserer Gesellschaft haben wird. Thema ist die schon länger zu beobachtende und
sich derzeit verschärfende Tendenz, dass Unternehmen (vor allem im
Dienstleistungsbereich) aus Kostengründen Funktionen auf ihre Kundschaft
auslagern. Was vor vielen Jahren mit „Selbst-Bedienung“ oder der
Nutzung der Konsumenten als Werbeträger in einzelnen Bereichen
begann, erreicht nun mit Direct-Banking, Internet-Shopping und vielen ähnlichen
Erscheinungen eine neue Qualität. Folge ist, dass die privaten Konsumenten immer
häufiger (nicht immer freiwillig und oft ohne finanzielle Kompensation) Arbeiten
übernehmen, die bisher von den Betrieben geleistet wurden. Weitgehend unbemerkt
werden Kunden damit quasi zu unbezahlten Arbeitskräften der Unternehmen.
Dieser Trend wird in der einschlägigen Managementliteratur inzwischen mit
deutlicher Sprache ausdrücklich unterstützt: Kunden sollen zu ‚Dienstleistern
für die Dienstleister’, wenn nicht gar zu ‚partiellen Mitarbeitern’ werden.
So dynamisch,
vielfältig und bedeutsam die Veränderungen sind, sie werden in der
Öffentlichkeit bisher nur zögerlich registriert; und gerade auch in den
Wissenschaften finden sie nur in wenigen spezialisierten Bereichen genauere
Beachtung. Ziel des Konzepts ist es, dem keineswegs nur wissenschaftlich
spannenden und wichtigen Thema systematischer nachzugehen. Es wird aus einer im
weiteren Sinne sozialwissenschaftlichen Perspektive unter anderem danach gefragt in welchen Bereichen sich derartige Verlagerungen von Arbeiten
auf die Kundschaft finden, was die Gründe für die zunehmende Instrumentalisierung von Kunden
als faktische Arbeitskräfte sind,
welche Konsequenzen sich daraus langfristig gesellschaftlich und
vor allem für die Betroffenen selbst ergeben werden und
wie diese
Entwicklung historisch bzw. gesellschaftstheoretisch eingeordnet werden kann.
Es geht mit
diesen Fragen um Veränderungen im Bereich des Konsums bzw. des Verhältnisses von
Betrieben und ihren Kunden aus der Sicht einer mit Arbeit und
Betrieben befassten Soziologie und Psychologie – was nicht ganz
selbstverständlich ist. Zwar ist der (private) Konsum unter Überschriften wie
„Produktion und Konsumtion”, „Arbeit und Reproduktion“ oder „Arbeit und Leben“
zumindest indirekt eine traditionsreiche Fragestellung einer sich auf Arbeit
beziehenden Gesellschaftsanalyse oder der im weiteren Sinne
sozialwissenschaftlich ausgerichteten Wirtschafts- und Haushaltsforschung und
der sich aktuell neu formierenden Konsumsoziologie. Für die Arbeitssoziologie
und -psychologie ist der Konsument und sein Denken und Handeln jedoch nach wie
vor ein ungewohnter oder bestenfalls marginaler Bereich.
Die Konsumtion der Arbeitenden und damit ihre Rolle als kaufende „Kunden“ und verbrauchende „Konsumenten“ (und nicht als arbeitende „Arbeitskräfte“ und „Berufstätige“) gilt der auf (erwerbsförmige) Arbeit im Betrieb bezogenen Forschung nach wie vor als private Angelegenheit, die das betriebliche Verhalten nur indirekt berührt. Interessant sind aus dieser Sicht bestenfalls die möglichen Folgen für die Arbeit im Betrieb. Schon die Erkenntnis, dass die Privatsphäre eine wichtige Voraussetzungen für die Berufstätigkeit darstellt, musste sich gegen vielfachen Widerstand durchsetzen und ist in der Arbeitsforschung oft immer noch wenig bewusst. Die Konsumtionssphäre ist für die sozialwissenschaftliche Arbeitsforschung bis heute primär der Bereich der „Re-Produktion“ einer sich in der betrieblichen „Produktion“ verausgabenden Arbeitskraft und wird dieser in der Regel nachgeordnet. Nur wenige Ansätze versuchen Arbeit und Konsumtion systematisch zu verbinden. Dies geschieht vor allem in der feministisch inspirierten Arbeitsforschung, die die in modernen Gesellschaften stark konsumtiv geprägte außerbetriebliche Sphäre nicht ausblendet. Vielmehr zeigt sie, dass dort nach wie vor auch produziert und gearbeitet wird. Ein weiteres Beispiel für die systematische Verknüpfung von Arbeit und Konsumtion ist die Forschung zur „Alltäglichen Lebensführung“. Diese vertritt ebenfalls eine ‚ganzheitliche’ Sicht auf die Arbeitskraft und integriert die Thematisierung betrieblicher Arbeit und aller anderen (und damit auch der primär konsumtiven) Lebenssphären.
Geht es um
das Thema Betrieb, gilt der Konsument bestenfalls als der Nutzer
produzierter Gebrauchswerte. Als solcher ist er zwar wichtig, weil er die
betrieblich hergestellten Güter oder Leistungen als „Kunde“ kauft und damit die
entscheidende Größe dafür ist, dass Betriebe (und damit die Arbeit) überhaupt
existieren: Gibt es keine Käufer und damit keine Konsumenten, erübrigt sich das
betriebliche Geschäft. Trotzdem interessiert der Kunde und Konsument, so wichtig
er faktisch ist, meist nicht wirklich – er wird als ökonomisch unverzichtbarer
Faktor gesehen, der die Produkte bezahlt; was er dann damit macht ist
wissenschaftlich wie praktisch seine Sache. Aus betrieblicher (und
betriebssoziologischer) Sicht ist er ein unvermeidlicher, aber doch fremder,
weil „externer“, Faktor. Die gelegentlich in der Arbeitssoziologie unter Hinweis
auf Marx beschworene betriebliche „Gleichgültigkeit” gilt damit nicht nur
gegenüber dem arbeitenden Produzenten, sondern eben auch (und sogar noch mehr)
gegenüber dem Konsumenten.
Der
Ausgangspunkt: Ein neues Verhältnis von Betrieben und Kunden
Spätestens
mit dem aktuellen Strukturwandel von Arbeit und Ökonomie vollziehen sich jedoch
in genau diesem Feld interessante Veränderungen, praktisch wie auch
wissenschaftlich. Stichworte wie „Dienstleistungsökonomie”, „Kundenorientierung”
sowie „Internalisierung der Märkte” als neues Mittel der betrieblichen Steuerung
von Arbeit verweisen hierbei auf einen Prozess, in dem die Kunden respektive die
Konsumenten betrieblicher Produkte systematisch mehr in die unmittelbaren
Arbeitszusammenhänge hineinwirken und damit eine wachsende Aufmerksamkeit
gewinnen. Der „externe Faktor Kunde“ wird stärker in seiner betriebsinternen
Relevanz erkannt und wirksam. Dies geht auf bemerkenswerte Weise mit einer
komplementären Tendenz zur Entgrenzung des Betriebs in Richtung der ‚privaten’
und damit konsumtiven Lebenssphäre von Arbeitskräften einher (z.B. bei
Teleheimarbeit), die nun ebenfalls mehr als bisher in ihrer betrieblichen
Relevanz wahrgenommen und wirksam wird. Von zwei Seiten scheint hier das
‚Konsumtive’ auf neue Weise in den Betrieb und damit in die Arbeit hinein
vermittelt zu werden.
Die
„Entgrenzung von Arbeit und Leben” ist schon seit einiger Zeit ein Thema der
sozialwissenschaftlichen Arbeitsforschung, um das auch wir uns bemüht haben. Die
zunehmende Integration des kaufenden und dann konsumierenden Kunden in die
betriebliche Arbeit erfordert aber, so der Ausgangspunkt der folgenden
Überlegungen, noch einmal gesonderte Aufmerksamkeit. Hier deutet sich eine
Entwicklung an, die die gesellschaftliche Form und Funktion der privaten
Konsumtion und das gesellschaftliche Verhältnis von produktiver Arbeit im
Betrieb und der Aktivität der Gebrauchswertnutzer im außerbetrieblichen Bereich
tiefgreifend verändert.
Erste Anfänge dieser Entwicklung finden sich bereits vor nahezu 100 Jahren mit der anfangs noch eher zaghaften Auslagerung einiger betrieblicher Leistungen auf die Kunden, etwa über erste Elemente der Selbstbedienung in Kaufhäusern und im Versandhandel und später im Automatenverkauf. Vor etwa 50 Jahren begann sich die Selbstbedienung dann massiv im Lebensmitteleinzelhandel auszubreiten und die alten ‚Tante Emma Läden’ zu verdrängen. Die Entwicklung erhielt eine markante Ausweitung und Modifikation mit der expliziten Beteiligung der Kunden an der Endproduktion gekaufter Produkte (paradigmatisch bei IKEA). Begleitend entfaltete sich eine systematische Nutzung der Kunden als Werbeträger und Marketinginstanzen durch auffällige Warenzeichen auf der Bekleidung (heute fast nicht mehr wegzudenken) und die Etablierung von Marken als Lifstylesymbole und Identitätsanker für viele Kundengruppen. Aktuell erleben wir eine rasante Weiterentwicklung durch die immer weiter reichenden Versuche von Betrieben, die Kundschaft als aktiv Beteiligte in die Produktion von Dienstleistungen und materiellen Gütern einzubeziehen. Dies gilt beispielsweise für:
das Direct-Banking oder Self-Brokerage im Feld der Finanzdienstleistungen,
das internetbasierte Ein- und Verkaufen bzw. Er- und Versteigern,
die Selbstorganisation von Reisen und das Selbstbuchen von Flug- und Bahntickets über das Internet (und demnächst der Fahrscheine des Nahverkehrs über das Mobiltelefon),
das sogenannten E-Government (etwa bei der elektronischen Steuererklärung),
die Selbst-Einlieferung und Abholung von Paketen an Packstationen (und sicher bald auch der Briefe),
die Selbstkonfiguration von Produkten und damit nicht selten die faktische Einbeziehung der Kunden in die Steuerung von Produktionsverläufen im E-Commerce,
das automatisierte Einchecken an Flughäfen und in Hotels,
den (wieder) verstärkten Rückgriff auf aktive Leistungen von Angehörigen bei der Pflege von Alten und Kranken, die im Gesundheitswesen inzwischen als „Kunden“ (oder deren Stellvertreter) gesehen werden.
Moderne Informations- und Kommunikationstechnologien und insbesondere das Internet (und dabei vor allem das aktuell sich stürmisch entwickelnde interaktive web2.0) sind hierzu in vielen Bereichen hilfreiche Mittel; sie sind aber keineswegs die zentralen Auslöser, denn viele Betriebe (und die dazugehörende Betriebswirtschaftslehre) haben unabhängig davon und zum Teil schon vor der Expansion des www den Kunden als sogenannten „Ko-Produzenten” entdeckt, dessen Potentiale man aus unmittelbar wirtschaftlichen Gründen zu nutzen versucht.
Die These des
"Arbeitenden Kunden"
Die zentrale These ist, dass sich eine neue Qualität des Verhältnisses von Konsum und Produktion im Sinne einer stärkeren Einbeziehung des Konsumenten in Produktionsfunktionen herausbildet. Die immer schon in der privaten Reproduktions- oder Konsumsphäre (z.B. in der Haus- und Familienarbeit) enthaltene Produktivität von Menschen wird nun von Betrieben als Rationalisierungs- und sogar als explizites Wertschöpfungspotential erkannt und genutzt.
Pointiert formuliert: Es könnte sein, dass sich ein neuer aktiver Grundtypus des Konsumenten herausbildet, der den eher passiv agierenden klassischen Käufer-Kunden ablöst. Dieser passive Käufer ist übrigens historisch seinerseits gesehen eine relativ junge Erscheinung, die im Wesentlichen erst mit der Durchsetzung moderner industrialisierter Gesellschaften den bis dahin zivilisationsgeschichtlich dominierenden Selbstproduzenten ersetzte.
Dieser neue Konsumententypus wird von uns als Arbeitender Kunde bezeichnet, weil sein zentrales Merkmal eine erweiterte und zunehmend betrieblich explizit gesteuerte und genutzte, auf aktiven Arbeitsleistungen beruhende Produktivität ist. Er ist damit nicht mehr ein nur aus sachlicher Notwendigkeit einbezogener Ko-Produzent, sondern nun ein bewusst eingesetzter ‚unbezahlter Mitarbeiter’. Zwar mag es für die Kundschaft, die zu Selbstbedienung bereit ist, durchaus die eine oder andere Vergünstigung geben. Eine transparente und auf den Umfang oder die Qualität der eingebrachten Leistungen Bezug nehmende Bezahlung gibt es gleichwohl nicht – übrigens auch dann nicht, wenn Kunden Leistungen erbringen, die sie selbst nicht nutzen.
Die Merkmale des
neuen Kundentypus
Drei Merkmale zeichnen den neuen Kunden- und Konsumententypus aus:
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Diese Vermutung steht in expliziter Parallele und Erweiterung zur These des „Arbeitskraftunternehmers“, da es nicht nur erstaunliche Analogien gibt, sondern ganz offensichtlich Zusammenhänge: Der gezielt in betriebliche Vorgänge einbezogene Konsument ist nämlich strukturell gesehen nichts anderes als der (auf der anderen Seite) zunehmend betrieblich externalisierte Arbeitskraftunternehmer. Beide Formen und die dahinter stehenden betrieblichen und gesellschaftlichen Prozesse sind zwei Seiten einer Entwicklung bzw. eines neuartigen Typus gesellschaftlicher Subjektivität (als Arbeitskraft und Konsument).
Parallele
Begriffe und Konzepte
Diese Entwicklung geht damit einher, dass in einigen Bereichen der Betriebswirtschaftslehre genau dafür schon ansatzweise praxisorientierte Konzepte (oder genauer: plakative Begriffe) vorliegen, die aufschlussreiche Schlaglichter auf das hier interessierende Thema werfen. Da ist etwa davon die Rede, dass Betriebe bisher selbst erbrachte Leistungen über ein gezieltes „Out-Sourcing auf die Kunden“ wesentlich billiger und effizienter bekommen können (H. Corsten 1997, 2000). Der Kunde könne dabei zum „Dienstleister für den Dienstleister“ werden, so dass es neben der gewohnten „kundenorientierten Dienstleistung“ der Betriebe eben nun auch wertschöpfende „unternehmensorientierte Kundenleistungen“ gebe (O. Grün/ J.C. Brunner 2002). Der Kunde müsse betrieblich als bisher zu wenig produktiv genutzte „ökonomische Ressource“ begriffen werden (M. Gouthier 2003, M. Gouthier/ St. Schmidt 2001), genauer, sogar als bisher völlig vernachlässigter Teil der „Human Resources“ von Unternehmen (D.E. Bowen 1986) und er könne auf diese Weise schließlich zu einem „Partial employee” werden (P. Mills/ R. Chase/ N. Margulis 1983, P. Mills/ J. Morris 1996, M. Bowers/ Ch. Martin/ A. Luker 1990); zu einem “unbezahlten Mitarbeiter” (F. Nerdinger 1994), dessen immer schon vorhandene Produktivität im sogenannten „Prosuming“ mit einem gezielten „Prosuming Marketing“ betrieblich genutzt werden könne (St. Michel 1997) und zu einer "interaktiven Wertschöpfung" beitrage (Reichwald/ Piller 2006). Ähnlich wie in der hier vertretenen These deuten zudem auch einige andere Soziologen an, dass damit die Konsumenten zu veritablen „Produzenten“ werden, sich also ihre Rollen tendenziell in manchen Bereichen regelrecht verkehren (H. Hanekop/ A. Tasch/ V. Witke 2001). Schon früh hieß es dazu sehr ähnlich mit bezeichnenden Formulierungen aus Sicht von Betriebswirten: „Trading places: Employees as Customers, Customers as Employees“ (M. Bower/ Ch. Martin/ A. Luker 1990).
(Text in Teilen mit leichten Änderungen aus der Einleitung von Voß/ Rieder 2005)
Literatur
Direkt zur These des Arbeitenden Kunden:
Voß, G. G. (2005). Arbeitende Bankkunden. In St. Habscheid/ W. Holly / F. Kleemann / I. Matuschek / G. G. Voß (Hrsg.), Über Geld spricht man. Medienvermittelte Kommunikationsarbeit und Arbeitskommunikation im Bankgeschäft. Wiesbaden: VS Verlag.
Voß, G. G. & Rieder, K. (2005, 2. Auflg. 2007). Der arbeitende Kunde. Wie Konsumenten zu unbezahlten Mitarbeitern werden. Frankfurt a.M., New York: Campus.
Für die weiteren erwähnten Quellen siehe
Literatur